"Baulust"

Um verstehen zu können, weshalb König Ludwig II. während seiner Regierungszeit immer wieder so immense Bauvorhaben in die Tat umsetzen bzw. planen ließ, sollte man zunächst Ludwigs "Herrschaftsvorstellung" betrachten.
Dem Bayernkönig wurde bereits in jungen Jahren beigebracht, dass er als Kronprinz und späterer König "stets der Erste sei". Besonders sein Erzieher, der zweiundfünfzigjährige Generalmajor Graf Theodor Basselet de La Rosée förderte dieses Majestätsverständnis durch seine Erziehung enorm.
Hinzukommt, dass der junge Kronprinz auch durch die vom Vater angeordnete religiös geprägte Erziehung sein Königsamt "als von Gottes Gnaden" betrachtete. Jeder Angriff darauf empfand er somit als einen Versuch, sein christliches Weltbild zu zerstören.

Neben diesem gesteigerten Herrschaftsverständnis kommt noch hinzu, dass Ludwig wie jeder andere Mensch auch seine ganz eigenen Träme und Schwärmereien hatte.
Er liebte die Bergwelt und deutsche Sagen in Form von Richard Wagners Opern. Er trämte sich zurück in das absolutistische Königreich des Sonnenkönigs und er schwärmte für die magische Welt der Märchen des Orients aus 1001 Nacht.

Ausserdem war dem König die Regierungstätigkeit nach den beiden ihm aufgezwungenen Kriegen 1866 und 1870/71 höchst zuwider und er flüchtete sich immer mehr in seine durch die Bauten real gewordenen Traumwelten.
Dem damaligen Kabinett kam besonders dieser Umstand sehr gelegen, da sie nun im Prinzip alleine Politik machen konnten.

Vor diesem Hintergrund wird wohl verständlich, wie sich die Baulust des Monarchen als Summe dieser Hauptgründe manifestieren konnte.
Wer wünscht sich denn nicht, dass seine Träme in Erfülung gehen, dass man sich die Reiche seiner Träume in die Realität holen kann. Erst recht "ein König von Gottes Gnaden" darf doch dann bauen was er will, egal was es kostet.

Doch da genau diese Annahme für einen Monarchen des angehenden 19. Jahrhunderts nicht mehr gültig war, wurde seine Baulust dem Bayernkönig zum Verhängnis.
Denn natürlich überstiegen die Kosten für die Bauten bereits nach wenigen Jahren das jährliche Budget des Königs, doch anstatt ihn darauf aufmerksam zu machen und ernsthafte Schritte einzuleiten, ließ das Kabinett um Minister Lutz den Monarchen weiterbauen.
Während der König fast ungehindert weiterbaute, konnten Minister Lutz und dessen Kabinett ihre Politik machen.
Erst als dann die Schuldern solche Ausmaße annahmen, dass auch die Öffentlichkeit unruhig wurde und Stimmen gegen das Lutz'sche Kabinett laut wurden, begannen die "Königsverräter" etwas zu unternehmen.
Doch statt dem König seine Finanzlage ganz offen zu erklären und mit ihm gemeinsam Finanzierungsmöglichkeiten zu suchen und umzusetzen, entschieden sie sich für den für sie einfachsten Weg, die Entmündigung des Königs.

Banken und private Geldgeber, die Ludwig finanziell unterstützen wollten, wurden gar nicht erst zum König durchgelassen. Auch eine zeitlich begrenzte Erhöhung der königlichen Ziviliste, quasi des Monarchengehalts, wie von der Patrioten-Partei 1885 im Landtag vorgeschlagen, wurde abgelehnt.

In seinem Todesjahr, 1886, beliefen sich Ludwigs Gesamtschulden auf etwa vier Jahresgehälter. Unter der Betrachtung, dass ein heutiger Bauhherr sich beim Hausbau wohl ungefähr in dem gleichen Maße verschuldet, wäre die Finanzkrise des Königs wohl leicht zu bewältigen gewesen.
Dazu hätte aber das Kabinett um Minister Lutz seine Unfähigkeit eingestehen und zurücktreten müssen.
Wesentlich einfacher war es da, den König für verrückt erklären zu lassen und ihn abzusetzen.

Entmündigung

Obwohl Ludwig sämtliche Kosten seiner Bauten aus seinen privaten Einnahmen, der sog. königlichen Ziviliste, bezahlte und somit auch die Schulden "privat" waren, wurde ihm seine Baulust jetzt zum Verhängnis. Denn sein Kabinett konnte es in der Öffentlichkeit so darstellen, als verschwende der König mit seinen Bauten Staatsgelder.
Jetzt brauchte man nur noch ein paar mehr Beweise und Zeugenaussagen, die die "Verrücktheit" des bayerischen Königs untermauern, sowie einen glaubwürdigen Nervenarzt, der ein entsprechendes Gutachten ausstellt.

Die Beweise und Zeugenaussagen waren schnell gesammelt, konnte das Kabinett doch aufgrund der zurückgezogenen Lebensweise des Königs seine "Wahrheiten" so zusammenstellen, wie es für die Entmündigung notwendig war.
Und mit Dr. Bernhard von Gudden, der zum damaligen Zeitpunkt bereits Ludwigs Bruder Otto behandelte, war ein Arzt für das Gutachten ebenfalls schnell gefunden.
Meiner Meinung nach wurde von Gudden, damals einer der renomiertesten Ärzte auf dem Gebiet der Nervenheilkunde, vom Kabinett erpresst, das Gutachten über den Bayernkönig zu schreiben. Schließlich ist es für eine Regierung ein Leichtes, einem Arzt die Karriere zu zerstören.
Denn wie sollte man sonst erklären, dass von Gudden sein Gutachten einzig und allein aufgrund des vom Kabinett übergebenen Beweismaterials anfertigte. Der König wurde weder persönlich von Dr. von Gudden untersucht, noch wurde Ludwigs Leibarzt, Geheimrat Dr. Schleiß, für das Gutachten hinzugezogen.
Auch wurden zahlreiche Personen, die dem König in dessen letzten Lebensjahren am nächsten waren und weit mehr entlastende Aussagen vorgebracht hätten, nicht befragt. Man beschränkte sich lediglich auf einige wenige bestochene Diener, die natürlich nur höchst belastende Aussagen ablieferten.

Das Gutachten

Nachfolgend finden Sie das vernichtende Gutachten über den Geisteszustand SM König Ludwig II. von Bayern, welches jedoch in dieser Form damals wie heute niemals einer ernshaften Überprüfung standhält.

Gutachten nach Aktenlage

So peinlich es für die unterzeichneten Ärzte ist,an die Beurteilung des geistigen Zustandes Seiner Majestät ihres Königs heranzutreten, sie müssen dem erhaltenen Befehle Folge leisten und erstatten hiermit unter ausdrücklicher Berufung auf den von ihnen geleisteten Eid, ihrer schweren Verantwortlichkeit vollkommen bewusst, nach Pflicht und Gewissen das verlangte Gutachten, wobei sie bemerken, dass eine persönliche Untersuchung Seiner Majestät, was weiter auseinanderzusetzen überflüssig sein wird, untauglich, bei dem vorliegenden Aktenmaterial aber auch nicht notwendig war...

Menschenscheu
...Im Jahre 1872 wurde Herr Ministerialrat von Ziegler in das Kabinettssekretariat berufen. Derselbe hörte von Staatsrat Eisenhart und von Personen des Hofes, wie schwer es Seine Majestät ankomme, Audienzen zu erteilen, insbesondere solche staatsgeschäftlicher Natur. Die Scheu vor Begegnungen mit Menschen trat mehr zutage, die Besuche der Kirche in Berg wurden immer seltener, endlich ließen Seine Majestät im abgeschlossenen Park zu Berg ein romantisches Kirchlein bauen und sich die Messe lesen, ohne dass derselben irgend jemand beiwohnen durfte. Um keinen Menschen im Theater sehen zu müssen, kam es zu den bekannten Separatvorstellungen. Der Verkehr mit Menschen wurde Seiner Majestät immer entsetzlicher. Nach Ablauf des Hohenschwangauer Winteraufenthaltes nach München zurückzukehren war für Seine Majestät fürchterlich. Der Aufenthalt in Hohenschwangau wurde deshalb immer weiter ausgedehnt, und von 1876 bis 1883 nach und nach um einen Monat verlängert...
... Die Folgen dieser krankhaften Verstimmungen und innerlichen Hemmungen wurden immer trüber und verhängnisvoller. Der k. Stallmeister Hornig, welcher seit dem Jahre 1867 in der Umgebung Seiner Majestät sich befindet, berichtet in seinen Aufzeichnungen, dass anfangs Seine Majestät noch ein größeres Bedürfnis nach dem Verkehr mit Menschen fühlten. Es seien bei den nächtlichen Ritten, die meistens beim Mondscheine unternommen wurden, Feste im Walde veranstaltet worden, zu denen jüngere Bedienstete vom Marstallpersonal, auch Lakaien befohlen wurden. Unter Zelten wurde dann bis zum frühen Morgen gezecht und andere Unterhaltungen in kleinen Spielen, z. B. Ring verstecken, Schneider leihe mir deine Schere usw., gesucht. Später hörten diese Unterhaltungen auf, doch kam es noch in neuerer Zeit vor, dass gelegentlich des Aufenthaltes Seiner Majestät auf dem Schachen Stallleute im dortigen im türkischen Stile eingerichteten Zimmer, in orientalischer Weise sitzend, mit seiner Majestät Sorbet trinken und aus türkischen Pfeifen rauchen mussten. Auch im sog. beim Linderhof gelegenen Hundlingshause kam Ähnliches vor, auf Fellen ruhend, zechte das Personal aus großen Trinkhörnern Met...

Halluzinationen
... Ob Seine Majestät an eigentlichen Halluzinationen leiden, lässt sich mit voller Sicherheit nicht behaupten. Es sprechen dafür die Wahrnehmungen Hesselschwerdts, das geringste Geräusch erschrecke Seine Majestät. Bei den Spaziergängen (bei Tag und bei Nacht) äußerten Allerhöchstdieselben oft, Sie hätten etwas gehört, Tritte, Worte und dann zu ihm, der nichts gehört habe, gesagt: "Du hörst eben nicht gut, Hesselschwerdt." Nie hätten sich freilich Seine Majestät darüber geäußert, welche Worte gehört worden seien. Auch in den Wohnräumen (dies wird auch vom Kammerdiener Welker bestätigt) hätten Seine Majestät nicht selten Geräusche wie von Tritten in den oberen Zimmern zu hören geglaubt, und es hätte dann nachgesehen werden müssen, ob nicht jemand da sei, was aber nie der Fall gewesen wäre. Wenn seine Majestät allein im Zimmer sich befinden (Vernehmung Hesselschwerdts vom 03. Juni 1886 sowie Welkers), sprechen und lachen Allerhöchstdieselben oft laut, so dass man glauben könnte, es sei große muntere Gesellschaft in demselben versammelt...
...In das Gebiet überwuchernder und die Schranken der Wirklichkeit und Möglichkeit ganz außer acht lassender Phantasie würde denn auch, wie so vieles andere, was an anderen Orten zur Besprechung kommen wird, der geäußerte lebhafte Wunsch Seiner Majestät zu verweisen sein, in einem von Pfauen gezogenen Wagen durch die Luft zu fliegen, der dem Maschinenmeister Brand erteilte Allerhöchste Auftrag, eine Flugmaschine zu Fahrten über den Alpsee bei Hohenschwangau anzufertigen, die Imitation der blauen Grotte auf Capri, um deren Blau zu studieren, Stallmeister Hornig zweimal nach Capri geschickt wurde, der Mond im Schlafzimmer seiner Majestät...
...Nachträglich übrigens kommt noch eine Mitteilung des Kammerlakaien Mayr zu den Akten, die kaum darüber einen Zweifel lässt, dass Seine Majestät wirklich an Halluzinationen leiden. "Alles ertrage ich zwar, aber das ist zum Verzweifeln, wenn der König sich etwas einbildet und sich davon absolut nicht abbringen lässt, wenn er z. B. so anfängt, tue das Messer (oder irgendeinen anderen Gegenstand) weg, und wenn ich sage, Majestät, es ist keines da, so examiniert er stundenlang ununterbrochen fort: "Es soll aber eines da sein, wo wäre es denn hingekommen, du hast es weggetan, wo hast du es hingetan, warum hast du es weggetan, gleich legst du es wieder hin." Das sei, fügt Mayr hinzu, zum Wahnsinnigwerden...

Motorische Auffälligkeiten
...Über die motorischen Erregungen Seiner Majestät liegen folgende Äußerungen vor. Seine Majestät seien nicht selten aufgeregt, machten sonderbare tanzende und hüpfende Bewegungen, führen stoßend und ziehend mit den Händen in die Kopf- und Barthaare, stellten Allerhöchst-Sich nicht selten vor den Spiegel, mit verschränkten Armen und das Gesicht verziehend. Stundenlang dauernde Wutausbrüche, die sich in Herumtoben im Zimmer, in einer tanzenden, wiegenden Bewegung, Schütteln der Hände in den Handgelenken äußerten, traten ein, auch ruhig sinnend auf einen Fleck sehend, konnten Seine Majestät stundenlang mit einer Haarlocke spielen oder das Haar mit einem Kamme in Unordnung bringen...

Gemütszustand
...Von der Gereiztheit Seiner Majestät, Allerhöchstdessen Zornes- und Wutausbrüchen war vorübergehend bereits wiederholt die Rede. Auf die an der Dienerschaft ausgeübten Gewalttätigkeiten kommen die Unterzeichneten später zurück. – Auf normale Gemütszustände und deren Äußerungen trifft man nirgendwo in den Akten. Sie scheinen ganz und gar zugrunde gegangen zu sein und Hass und unnatürlicher Abscheu an ihre Stelle getreten zu sein. Es mag hier an die geradezu erschütternden Äußerungen über Ihre Majestät die Königin Mutter, über Seine Majestät den König Max II. erinnert werden. Hierher gehört auch eine Mitteilung des Herrn Ministerialrates von Ziegler über eine Äußerung Seiner Majestät, die die unterzeichneten Ärzte Anstand nehmen, wiederzugeben. Seiner Majestät des Kaisers Büste in Hohenschwangau wurde von Seiner Majestät im Vorbeigehen angespuckt. Der Marstallfourier Hesselschwerdt erhielt den Befehl, in Italien eine Bande zu werben, mit derselben den deutschen Kronprinzen gelegentlich seines Aufenthaltes in Mentone gefangenzunehmen und ihn in einer Höhle bei Wasser und Brot in Ketten verwahrt zu halten. Im Geiste malten Seine Majestät Allerhöchst-Sich die dem Kronprinzen zugedachten Martern weitgehendst aus, weshalb auch eigens der Befehl erging, ja dessen Leben zu schonen, damit seinem Leiden nicht ein zu schnelles Ziel gesetzt werde. Hunger und Durst sollte er leiden und sein Inneres von Sehnsucht nach den Seinen zerrissen werden. Die Siegesnachrichten im Feldzuge 1870-71 wurden von seiner Majestät mit Trauer begrüßt, das "arme Frankreich" lebhaft bedauert – Versailles durch den Einzug der Deutschen für entehrt erklärt. Oft musste Ministerialrat von Ziegler hören, wie schön es wäre, wenn man das verfluchte Nest (die eigene Haupt- und Residenzstadt!) an allen Ecken anzünden könnte, und Stallmeister Hornig führt als einen öfter von Seiner Majestät ausgesprochenen Wunsch an, dass das ganze bayerische Volk nur einen Kopf habe, um es auf einen Streich hinrichten lassen zu können...
...Im Jahre 1884 erhielt Hesselschwerdt von Seiner Majestät den Auftrag, Seine Exzellenz Herrn Finanzminister von Riedel aufzugreifen und nach Amerika zu transportieren, dann auf die Vorstellung hin, dass dieses nicht ausgeführt werden könne, ihn einzusperren, und als auch dieses für unmöglich erklärt werden musste, ihm nächtlicherweile aufzulauern und ihn durchzuprügeln. Der frühere Flügeladjutant Baron Hertling, der es sich nicht gefallen ließ, Allerhöchste Befehle durch Dienstbriefe von Lakaien zu empfangen, und um seine Enthebung einkam, sollte sogar umgebracht werden, ebenso Herr Ministerialrat von Ziegler. Noch in neuester Zeit wurde von Seiner Majestät befohlen, zwei Diener, den Kammerdiener Welker und den Vorreiter Bieller, die sich die Allerhöchste Unzufriedenheit zugezogen hatten, der eine, weil er ein beabsichtigtes Anlehen von nur 25 Millionen Mark nicht zustande gebracht hatte, der andere, weil er einen aus der Volière entkommenen Vogel nicht gleich einfangen konnte, nach Amerika zu transportieren und dort ständig überwachen zu lassen, damit sie nichts weitersagen könnten. Vorreiter Bieller wurde bei dieser Veranlassung von Seiner Majestät am Halse gedrosselt...
... Marstallfourier Hesselschwerdt sowohl wie Kammerdiener Welker und Stallmeister Hornig bezeichneten es als einen besonderen Charakterzug Seiner Majestät, plötzlich und unmotiviert für jemand Zuneigung zu fassen, um dieselbe oft nach kurzer Zeit in das gerade Gegenteil übergehen zu lassen. Diese Eigentümlichkeit dürfte jedem Sachverständigen als ein Krankheitssymptom imponieren...

Vorliebe für Absolutismus
... Bekannt ist die Vorliebe Seiner Majestät für die französischen Könige Ludwig XIV., XV. und XVI., ihr absolutes Regiment, ihre Bauten usw. Ein ehemaliger Secondelieutnant der bayerischen Armee wurde mit dem Befehle betraut, eine "Koalition" zu gründen, d. h. eine Schar Männer zu werben, mit deren Beihilfe es gelingen sollte, in Bayern das absolute Regierungssystem wieder herzustellen; die Verfassung sollte aufgehoben, die Landesvertretung abgeschafft werden. Etwas anders freilich stellt sich diese Koalitionsidee in den Berichten des Herrn Oberregierungsrates von Müller dar, der zum Chef der Koalition von Seiner Majestät ausersehen war, aber den Intentionen Seiner Majestät nicht entsprach. Seine Majestät dachten daran, gegen Vergütung einer hohen Summe das Land an Seine Königliche Hoheit den Prinzen Luitpold abzutreten oder an Preußen zu verkaufen. Geheimrat von Löher wurde mit dem Auftrag betraut, sich nach einem anderen Königreiche umzusehen, in dem ein absolutes Regierungssystem möglich wäre, machte auf Kosten der Kabinettskasse weitläufige Seereisen, berichtete aber, dass der Auftrag unmöglich auszuführen sei. Stallmeister Hornig berichtet, dass Seine Majestät Sich geheim in Kostüme der französischen Könige kleidete. Mit Krone und Zepter, welche kostbaren Gegenstände der Schatzkammer entnommen werden mussten, wurden nächtliche Spazierfahrten unternommen, auch der Gedanke, ein zweites Versailles im Graswangtal zu bauen, brach sich Bahn...
... Seit der Entlassung des Herrn Ministerialrates von Ziegler, damaligen Kabinettssekretärs, des letzten Mannes von Bildung, mit welchem Seine Majestät einen fortlaufenden Verkehr pflegte und persönlich Dinge von ernstlicher Bedeutung behandelte, hörte der persönliche Vortrag in Staatssachen auf. Es ist unglaublich, wie diese behandelt wurden. Doch dürfte es angezeigt sein, vorher noch einen kurzen Bericht über den persönlichen Verkehr Seiner Majestät mit der Dienerschaft einzuschalten.
Die Meldungen erfolgen, und die Allerhöchsten Befehle werden in der Regel erteilt durch die verschlossene Türe hindurch. Durch Kratzen an derselben wird das Zeichen gegeben, dass Seine Majestät verstanden sei. Dienerschaft, die hineintreten darf oder muss, hat tiefgebückt zu erscheinen, darf Seine Majestät nicht ansehen, kein Wort sprechen, muss durch Zeichen sich verständlich machen und, gelingt dieses nicht, die Bewegungen des Schreibers nachahmen, worauf das Bezügliche im Vorzimmer geschrieben und dann Seiner Majestät überreicht werden darf...

Gewalttätigkeiten
...Bei einer unangenehmen Meldung oder bei dem geringsten Verstoße (z.B. beim falschen Aussprechen französischer Namen) werde von Seiner Majestät häufig die Einsperrung ins Burgverlies oder eine andere Strafe anbefohlen, welcher Befehl dann auch angeblich, in Wirklichkeit aber nie vollzogen wird. Sehr häufig gehe aber Seine Majestät auch zu Gewalttätigkeiten über, schlage und stoße die Dienerschaft mitunter sogar blutig. Mindestens gegen dreißig Personen seien so misshandelt worden. Nachdem die gewöhnlichen Lakaien und auch die Leute vom Hofstall sich durch Vorschützung von Krankheiten der verschiedensten Art dem persönlichen Dienste bei Seiner Majestät zum größten Teile entzogen hatten (seit einem Jahre), wurden Chevaulegers zu demselben befohlen. Großer Wechsel fände auch unter diesen statt. Die Misshandlungen des Dienstpersonals bestätigt auch Herr Ministerialrat von Ziegler. Kammerdiener Welker berichtet sogar, dass der Vorreiter Rothenanger, ein junger, schmächtiger und kleiner Mensch, einmal wegen eines geringfügigen Vergehens von Seiner Majestät geschlagen, gestoßen und mit solcher Wucht an die Wand geworfen wurde, dass die im Vorzimmer befindlichen Leibjäger in der Besorgnis, der junge Mann werde totgeschlagen, nahe daran waren, in das Zimmer zu dringen, um Rothenanger zu Hilfe zu kommen. Es sei die Vermutung nicht ausgeschlossen, dass der nach Jahresfrist erfolgte Tod Rothenangers in ursächlichem Zusammenhange stehe mit den Misshandlungen, welche derselbe zu erdulden hatte...

Missachtung des Kabinetts
... Die Staatsangelegenheiten bezeichneten Seine Majestät mit dem Ausdruck "Staatsfadaisen" und äußerten Sich, wenn der Einlauf aus dem Kabinett vorgelegt wurde, wiederholt dahin: "Allerhöchstdieselben möchten das Pack immer lieber wieder hinauswerfen." Der Einlauf, welcher gesiegelt aus dem Kabinett zu Seiner Majestät kam, lag von Allerhöchstderselben geöffnet, längere Zeit, oft tagelang, obwohl die wichtigsten Staatsangelegenheiten sich darunter befanden, offen vor den Augen der Dienerschaft und in neuerer Zeit auch vor den zur Dienstleistung befohlenen Chevaulegers...
...Schon Herr Ministerialrat von Ziegler berichtet: Von der Berücksichtigung der Autorität der höchsten Beamten, der obersten Hofchargen und der Minister war keine Rede mehr. Sie wurden beim Vortrage mit den verächtlichsten Worten erwähnt, leider nicht nur beim Vortrage – auch der Dienerschaft und dem Friseur Müller und dem Zahnarzt gegenüber; selbst Fürsten wurden nicht geschont. Die Dienerschaft wusste aus dem Munde Seiner Majestät, dass der Obersthofmarschall oder der Obersthofmeister "sich nicht unterstehen dürfen", einmal den Hofhalt in Berg oder Hohenschwangau zu inspizieren. Für Seine Majestät sind die k. Staatsminister Pack, Gesindel, Geschmeiß, auch wird mit den Kammern nicht glimpflich verfahren, und das Volk verdient gar nicht, dass Sich Seine Majestät ihm zeige. Es wird wohl genügen, die Abschrift eines auch noch in anderer Beziehung wichtigen, Allerhöchsteigenhändig mit Bleistift offenbar in großer Hast geschriebenen Briefes Seiner Majestät an Hesselschwerdt folgen zu lassen: "Passe recht auf und besorge es gut. Sprich eingehend mit Ziegler. Sage ihm, dass die jetzigen Minister weg müssen, sie haben sich bei mir unmöglich gemacht. Er wird es also, wenn er alles besorgt, wie Ich will. Die Kollegen soll er mir dann selbst vorschlagen. – Schneider gleich fort und durch einen tüchtigen ersetzen. Sind die Kammern verstockt, dann auflösen, andere her und das Volk sehr bearbeiten. Schnell aber. - Sage ihm, außer den Rückständen (ohne dass die Kammern wissen, wofür, können glauben, es gehöre zu den Rückständen) ein paar Millionen dazu, die anderen schaffe Du herbei. Sage ihm, dass die Bauten die Hauptlebensfreude sind, dass ich, seit alles schändlich stockt, ganz unglücklich bin, an Abdanken, Selbsttötung stets denke, dass der Zustand aufhören muss, dass die Bauten nicht mehr stocken dürfen, dass, wenn er alles richtet, er Mir buchstäblich das Leben wiedergibt...
Berg, den 11.Mai 1886. Ludwig."

Bauleidenschaft sein Ruin
Eines Kommentars bedarf die ganze gegenwärtige Stellung Seiner Majestät gegenüber dem Lande nicht. Die geistigen Kräfte Seiner Majestät sind bereits dermaßen zerrüttet, dass alle und jede Einsicht fehlt, das Denken mit der Wirklichkeit in vollem Widerspruch sich befindet, das Handeln ein unfreies ist und Allerhöchstdieselben im Wahne absoluter Machtfülle vereinsamt durch eigene Isolierung – wie ein Blinder ohne Führer am Rande des Abgrundes stehen. Das Bauen sei die einzige Lebensfreude Seiner Majestät, aber die Bauten gerade waren der Ruin der Königlichen Finanzen und der Grund der Beschleunigung des Hereinbruches der Katastrophe. Alle Vorstellungen, alle Bemühungen, sie wieder zu ordnen, sind umsonst gewesen. Seine Majestät muss bauen, und in einer Weise, die ebenfalls wieder den Verfall der geistigen Kräfte nur zu deutlich zutage treten lässt, werden Versuche gemacht, das Geld dazu, gehe es, wie es gehe, herbeizuschaffen. Hesselschwerdt wurde von Seiner Majestät zu dem nunmehr verstorbenen Fürsten Maximilian von Thurn und Taxis nach Regensburg zur Aufnahme eines Anlehens von 20 Millionen geschickt, sollte durch die Vermittlung Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs Ludwig die Hilfe des Kaisers von Österreich in Anspruch nehmen. Auch zu Seiner Majestät dem König von Schweden und Norwegen nach Stockholm sollte sich Hesselschwerdt begeben, und als dieser sich diesem Allerhöchsten Auftrag entzog, wurde ein Flügeladjudant Seiner Majestät, natürlich ohne Erfolg, dahin beordert. Ein Flügeladjutant erhielt durch Hesselschwerdt den Allerhöchsten Auftrag, in Brasilien ein Anlehen zustande zu bringen, andere Personen sollten nach Brüssel, nach Konstantinopel zum Sultan und nach Teheran zum Schah. Sei durch Anlehen kein Geld aufzutreiben (es handelte sich schon um 25 Millionen), so sollte auf Allerhöchsten Befehl bei den Banken in Stuttgart, Frankfurt, Berlin und Paris eingebrochen und zu diesem Zwecke Leute geworben werden. Durch gleichzeitige Aufträge an mehrere, die sich gegenseitig nichts sagen durften, hoffte Seine Majestät sogar in den Besitz von 80 Millionen zu gelangen...

Zusammenfassende Beurteilung
Hiermit schließen die unterzeichneten Ärzte ihre Schilderung, und, verweisend auf die im Texte schon an verschiedenen Stellen gezogenen Schlussfolgerungen, erklären sie nun, dieselben zusammenfassend und ergänzend, einstimmig: 1.Seine Majestät sind in sehr weit vorgeschrittenem Grade seelengestört, und zwar leiden Allerhöchstdieselben an jener Form von Geisteskrankheit, die den Irrenärzten aus Erfahrung wohl bekannt mit dem Namen Paranoia – (Verrücktheit) bezeichnet wird. 2.Bei dieser Form von Krankheit, ihrer allmählichen und fortschreitenden Entwicklung und schon sehr langen, über eine größere Reihe von Jahren sich erstreckenden Dauer ist Seine Majestät für unheilbar zu erklären und noch weiterer Verfall der geistigen Kräfte mit Sicherheit in Aussicht. 3.Durch die Krankheit ist die freie Willensbestimmung Seiner Majestät vollständig ausgeschlossen, sind Allerhöchstdieselben als verhindert an der Ausübung der Regierung zu betrachten, und wird diese Verhinderung nicht nur länger als ein Jahr, sondern für die ganze Lebenszeit andauern. München, den 8. Juni 1886

Von Gudden, k. Obermedizinalrat.
Dr. Hagen, k. Hofrat.
Dr. Grashey, k. Universitätsprofessor.
Dr. Hubich, k. Direktor.

Quelle: Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kammer der Reichsräte, Signatur 2095

Persönliche Einschätzung

Das das 1886er-Gutachten von Dr. Bernhard von Gudden nicht einmal soviel wert ist, wie das Papier auf dem es geschrieben wurde, ist heute klar und wurde schon von vielen renomierten Psychiatern und Historikern bestätigt.
Auch ein Laie, der sich etwas näher mit König Ludwig II. von Bayern beschäftigt, wird zu diesem Schluss kommen.

Ich möchte jetzt dennoch mit meiner persönlichen Meinung ein wenig auf einige der im Gutachten vorgebrachten Stichpunkte eingehen, als da wären:
  1. Menschenscheu
    Ludwig hielt sich am liebsten in seiner geliebten Bergwelt auf und zog seine Schlösser der Münchner Großstadt vor.
    Es muss doch jeder Mensch das Recht haben, dort zu leben, wo es ihm am besten gefällt. Wieviele Menschen bevorzugen heute das Leben in der Kleinstadt und andere hingegen leben lieber in der Großstadt?
    Ausserdem ist es kein Wunder, dass der König München immer mehr mied, nachdem ihm dort mit der Entfremdung Wagners und den politischen Niederlagen (gemeint sind hier vorallem die beiden Kriegserklärungen) nur Schlechtes widerfahren ist.
    Zudem bezeugen viele Aussagen der einfachen Bevölkerung rund um Ludwigs Schlösser, dass ihr König keineswegs menschenscheu war, sondern sich im Gegenteil oft gezeigt hätte und direkt auf sie zugegangen wäre.
    Sonntags habe er auch oft in der Dorfkirche des jeweiligen Nachbarorts mit der einfachen Bevölkerung die Messe gefeiert.
    Auch die sog. "Seperatvorstellungen", die Ludwig im Münchner Theater und später in seinen Schlössern genossen hatte, sind noch lange Grund für eine Geisteskrankheit. Ganz im Gegenteil, Ludwig verstand es in höchstem Maße, sich seinen Trämereien hinzugeben.
    Welcher Kunst- und Musikliebhaber würde sich heutzutage nicht wünschen seinen Lieblingskünstler oder -theaterstück ganz für sich alleine genießen zu dürfen?

  2. Halluzinationen
    Wer von uns hat nicht schon einmal selbst irgendwelche Geräsche wie Tritte oder Poltern gehört obwohl dieselben gar nicht da waren?
    Und wie oft hat man sich schon dabei ertappt, wie man in einem unbeobachteten Moment mit sich selbst gesprochen hat?

  3. Motorische Auffälligkeiten
    Der angebliche Beweis des "stundenlangen Spielens mit einer Haarlocke" oder dem Grimassen-Schneiden vor einem Spiegel, was von Gudden in seinem Gutachten anführt, wird in dem Moment ad absurdum geführt, sobald wir uns einmal selbst hinterfragen, ob wir so etwas nicht auch schon einmal getan haben. Sei es aus Langeweile oder in einem Augenblick höchster Konzentration.
    In dieser menschlichen Geste ist meiner Meinung nach keinesfalls ein Anzeichen geistiger Störung zu finden.

  4. Gewalttätigkeiten
    König Ludwig war Choleriker und hatte ab und an starke Erregungszustände und Wutausbrüche.
    Dass dies in manchen Fällen zu Gewalttätigkeiten führte, ist somit auch natürlich und keiner geistigen Störung zuzuschreiben.

  5. Bauleidenschaft
    Wie es zur Bauleidenschaft des Königs kam, habe ich im Abschnitt "Baulust" bereits zu beschreiben versucht.
    Aus meiner Sicht ist es doch keine Störung, wenn man sich seine Träme in Form von Schlossbauten verwirklichen lässt.
Insgesamt war König Ludwig II. von Bayern keinesfalls geisteskrank.
Er wurde als Herrscher einfach zu spät geboren, sein "Königtum von Gottes Gnaden" passte nicht mehr in die konstitutionelle Regierungszeit des beginnenden 19. Jahrhunderts.
Zu früh wurde er durch den Tod seines Vaters in das Amt des Königs berufen, mit knapp 18 Jahren, einem Alter, in dem gleichaltrige gerade mit dem Studium beginnen.

Ludwig war ein Träumer mit einer sehr empfindsamen Seele, die bereits durch die strenge Erziehung in seiner Kindheit aufs höchste gestört wurde.
Was er liebte, nahm man ihm fort. Ist es da verwunderlich, wenn sich Ludwig am Ende von allem zurückzog?